Montag, 21 of Mai of 2012

ABHAS (Indien)

 
Tughlakabad Village

Wirklich einfach war es für uns nie nach Tughlakabad Village zu gelangen. Am südlichen Rande Neu Delhis gelegen, ist das urbane Dorf kein beliebter Anfahrtspunkt für Rikschafahrer. Sollte sich nach langer Überredungskunst unsererseits doch einmal ein Fahrer dazu bereiterklärt haben, verlangte er eine horrende Summe. Schließlich ist die Wahrscheinlichkeit für ihn recht gering, einen Fahrgast zurück in die Innenstadt mitnehmen zu können.

Kein Wunder. Kaum einmal verlässt ein Bewohner die 70000 Einwohner Kommune. Warum auch, wenn man doch auch hier alle Güter und Lebensmittel sogar zu einem geringeren Preis erhält.

Haben wir es dann doch wieder einmal geschafft nach Tughlakabad zu gelangen, erblicken wir folgendes Bild:

Frauen in farbenfrohen Saris laufen uns entgegen, in der einen Hand ihre Kinder, in der anderen einen Kanister um an der Wasserstelle Wasser zu holen. Auf den mit Plastikmüll übersäten Wegen suhlen sich die Schweine in Schlamm, während ausgezehrte Männer ihre mit Verkaufsgut beladenen Wagen an ihnen vorbei schieben und lauthals ihre Ware anpreisen. Ältere Männer und Frauen sitzen vor ihrer Haustür, rauchen, nähen oder waschen ihr Geschirr. Unzählige Kinder spielen auf den Wegen, hüten ihre Murmeln wie Schätze oder ärgern kleine Katzenjunge.

Tughlakabad

Viele der Einwohner hier sind Immigranten, die mit ihren Familien aus kleinen Dörfern aus den armen umliegenden Staaten wie Rajasthan, Bihar oder Uthar Pradesh nach Delhi gezogen sind um hier möglicherweise einen Beruf zu finden. Die Familien leben zusammen in winzigen Häusern, die meist aus nur einem Raum bestehen. Toiletten und Wasseranschlüsse gibt es fast nie, gekocht wird auf offenem Feuer, nachts schläft die Familie dicht nebeneinander gedrängt auf dem Boden, übersteigt ihre Anzahl doch oft 6 Personen.

Während die Väter tagsüber in Schneider-Werkstätten, als Obst- und Gemüseverkäufer oder als Straßenarbeiter arbeiten, sind die Frauen als Haushaltshilfen tätig oder kümmern sich um ihr eigenes Heim. Dabei werden sie von ihren Töchtern unterstützt, die zumeist auch noch auf die jüngeren Geschwister aufpassen müssen.

Oft werden die Kinder aus den verschiedensten Gründen nicht zur Schule geschickt. Entweder sie müssen mit Geld verdienen (gerade etwas außerhalb des eigentlichen Dorfes leben viele Familien bei denen die Kinder Müll sammeln gehen müssen), haben keine gültigen Ausweispapiere, da sie illegal hier sind oder die Eltern sehen einfach keinen Sinn in einer Schulausbildung. Schließlich hatten sie auch keine und kommen nun ja auch zurecht.

Häufig brechen die Kinder die Schule auch ab. Die staatlichen Schulen sind teilweise sehr überfüllt und die Lehrer so unmotiviert, dass den Schülern es schwer fällt Lerninhalte aufzunehmen, zumal die gängigste Unterrichtsmethode das stupide Auswendiglernen ist.

 

Das Projekt ABHAS

Hier kommt ABHAS ins Spiel. ABHAS ist eine recht kleine Organisation, die KindSpielen bei ABHASer, insbesondere Mädchen, auf ihrem Bildungsweg unterstützt, um ihnen bessere Zukunftsmöglichkeiten zu eröffnen.

So vergibt die Organisation jährlich an 200 Mädchen ein Stipendium. Durch dieses erhalten die Mädchen Schulmaterialien, Schulgeld wir ihnen bezahlt, sie haben die Möglichkeit an Workshops und Freizeitbeschäftigungen teilzunehmen und erhalten täglich 3 Stunden Nachhilfeunterricht von ausgebildeten Lehrern. Gerade die Workshops und Arbeitsgemeinschaften sind von immenser Bedeutung für die Mädchen, da sie nur hier die Möglichkeit haben, über wichtige Themen wie Gesundheit, Hygiene, Kinder- und Frauenrechte, etc. aufgeklärt zu werden und sich ein paar Stunden unbeschwertes Vergnügen beim Tanzen, Basteln oder Sport zu erlauben.

 

Ausbildung bei ABHASAußerdem gibt es ein Ausbildungszentrum. Hier werden die Mädchen zur Schneiderin oder Kosmetikerin ausgebildet und haben somit die Möglichkeit, einen Beruf zu erlernen, diesen auszuüben und ein unabhängigeres Leben führen zu können.

Darüber hinaus gibt es mehrere Center in Tughlakabad, in denen Kinder für ein Jahr aufgenommen und danach in die Schule eingegliedert werden. Die 6- bis 12- Jährigen erhalten während des Vormittages informellen Unterricht, während in den Gruppen mit ihren jüngeren Geschwister gespielt, gemalt und gesungen wird.

Den 2- bis 5- Jährigen wird hier ein Raum gewährt, in dem sie einfach einmal nur Kind sein dürfen, spielen können und Aufmerksamkeit und Geborgenheit erfahren. Gerade zu Beginn sind die Kinder noch sehr zurückhaltend, misstrauisch und weinen oft. Zuhause sind sie meist sich selbst überlassen oder bekommen die Sorgen der Eltern oft direkt zu spüren, wenn ihnen Gewalt zugefügt wird oder ihnen nicht genug Nahrung gegeben werden kann.

Im Center versuchen die Erzieherinnen mit möglichst viel Wärme den Kindern näher zukommen, um sie auch psychisch zu stabilisieren und mögliche Missstände in den Familien aufzudecken.

Während die Kleinen gut aufgehoben sind, können die Größeren zur Schule gehen und brauchen nicht mehr in die Rolle des Babysitters zu schlüpfen.

 

Essenausgabe bei ABHAS

Oft sind die Kinder stark unterernährt, weshalb ABHAS sie mit einer täglich wechselnden Mittagsmahlzeit versorgt.

Für die Kinder, die schon in der Schule sind, gibt es die Möglichkeit, sich nachmittags in einer Gruppe unter Beaufsichtigung einer Lehrerin zu treffen. In den 3 Stunden am Nachmittag machen die Kinder hier ihre Hausaufgaben und wiederholen das am Vormittag gelernte.

Ich bin glücklich, dass ich in so einer Organisation wie ABHAS tätig sein durfte. Die Aktivitäten der Organisation erschienen mir alle als höchst sinnvoll und gut durchdacht.

Gelder wurden sehr überlegt und sinnvoll ausgegeben und es scheint das aufrichtige Ziel der

Mitarbeiter zu sein, einer höchst möglichen Anzahl an Kindern in Tughlakabad Village zu helfen. Viele der überwiegend weiblichen Mitarbeiter kommen aus dem Slum selbst und können durch ihre Erfahrungen und Beziehungen in der Kommune dazu beitragen, die Bewohner Tughlakabads von dem Sinn ihrer Tätigkeit überzeugen und zur Zusammenarbeit überreden.

Den Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen liegen die Kinder und Mädchen sehr am Herzen und sie haben eine starke Bindung zu ihnen aufgebaut, so dass sie oft erste Ansprechpartner der Mädchen bei Problemen sind.

Es wurde auch immer viel zusammen gelacht und dafür gesorgt, dass eine entspannte Atmosphäre vorherrscht. Wir selbst haben das Arbeitsklima sehr genossen und es fiel uns sehr schwer, ABHAS nach einem Jahr zu verlassen. Bestimmt werden wir wieder kommen.

 
Spendenaufruf

Leider fehlt es ABHAS, wie so vielen nicht stattlichen Organisationen, ständig an Geld.

Vor kurzen wurden die finanziellen Mittel zur Bezahlung der Miete für die Räumlichkeiten, in denen die Mädchen ihren Nachmittagsunterricht bekommen, gestrichen. Das ist ein großes Problem, ist es doch so wichtig für die Mädchen, das in der Schule gelernte zu festigen beziehungsweise aufzuarbeiten. Oft ist es nämlich schwierig, dem Unterricht an staatlichen Schulen zu folgen, da die Klassen überfüllt und die Lehrer nicht sehr motiviert sind. In der Regel sprechen die Lehrer den Lernstoff vor und die Schüler wiederholen diesen solange, bis sie alles auswendig können. Dass die Kinder dann zwar ein langes Gedicht in Englisch aufsagen können, die Bedeutung aber überhaupt nicht verstehen, interessiert niemanden.

Durch eine aufgelockerte Lernstruktur in kleinen Gruppen mit einem stetigen Wechsel der Methoden, versuchen die Lehrer von ABHAS den Mädchen mit viel Spaß am Nachmittag den Lernstoff zu verinnerlichen. Es wäre sehr bedauerlich, wenn dies nun nicht mehr möglich sein sollte, nur weil die Mieten nicht mehr bezahlt werden können.

Unerfreulicher weise musste auch das so genannte Vocationalcenter wegen Geldmangel stillgelegt werden. Hier erhielten die ärmsten Mädchen eine berufliche Ausbildung, um in Zukunft finanziell unabhängig und selbständig zu sein und dann auf einem höheren Standard leben zu können.

Eifrig waren die Mädchen dabei, sich sowohl das theoretische Wissen als auch die praktischen Fähigkeiten in der Handarbeit und im Beautybereich anzueignen.

Nach einem halbjährigen Kurs absolvieren sie eine Prüfung und haben dann die Möglichkeit, als eine gut ausgebildete Kosmetikerin oder Schneiderin eingestellt zu werden, um Geld zu verdienen. Die andere Möglichkeit wäre nur schnell verheiratet zu werden, Kinder zu gebären und in ewiger Abhängigkeit ihres Mannes als Hausfrau zu leben.

Gerade wenn man ein ganzes Jahr an dem Alltag der Mädchen teilgenommen hat, ist es nur schwer zu akzeptieren, dass nun so wichtige Programme drohen stillgelegt zu werden. die Mädchen bei ABHAS

Während unserer Tätigkeit haben wir einige Fallstudien mit den Mädchen angefertigt. Nicht selten führte das Gespräch auf Seiten der Mädchen zu Tränen. Viele von ihnen sind sich sicher, dass sie ohne die Unterstützung ABHAS‘ die Schule nicht beenden und zuhause bleiben würden. Nicht nur die finanzielle und materielle Unterstützung der Hilfsorganisation ist so entscheidend, sondern auch die Humane. Die Mädchen lernen in einem geschützten Raum, sie sind täglich von starken Frauen umgeben, die verkörpern, dass es auch dem weiblichen Anteil der Bevölkerung möglich ist, eine Karriere aufzubauen und erfolgreich und unabhängig zu sein.

Jeden Tag strahlen die Mädchen im Center so viel Freude, Zufriedenheit und Glück aus, dass es sehr traurig wäre, ihnen die reale Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu nehmen.

12 000 Euro würden genügen um die Mieten für ein ganzes Jahr zu bezahlen und das nun lehrstehende Vocationalcenter wieder mit betriebsamer Geschäftigkeit zufüllen.

Sarah, Freiwillige 2009/10

 

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